Alter_von_Bäumen_bestimmen
Das Alter von Bäumen bestimmen
Fachliche Einordnung, Methoden und Grenzen der Altersansprache
Von Alexander Kraus, Sachverständiger für Baumpflege und Baumsanierung
Das Alter eines Baumes ist weit mehr als eine interessante Zusatzinformation. Es ist ein wesentlicher Bewertungsfaktor in der Baumpflege, der Baumwertermittlung, der Verkehrssicherheitsbeurteilung, der Prognose der Reststandzeit und bei der Entscheidung über Erhaltungs- oder Pflegemaßnahmen. Gerade bei Altbäumen, Naturdenkmalen, straßenbildprägenden Bäumen oder Gehölzen mit besonderem ökologischen Wert stellt sich regelmäßig die Frage, wie alt ein Baum tatsächlich ist – und mit welcher Sicherheit diese Angabe getroffen werden kann.
Dabei ist bereits die Fragestellung sorgfältig zu formulieren. In der Praxis wird häufig „das Alter“ eines Baumes verlangt, obwohl eigentlich eine fachlich belastbare Altersschätzung gemeint ist. Eine exakte Altersbestimmung ist nur unter bestimmten Voraussetzungen möglich. In vielen Fällen handelt es sich dagegen um eine begründete Annäherung, die aus Dokumenten, Standortgeschichte, Baumart, Habitus, Stammumfang, Jahresringen oder Vergleichswerten abgeleitet wird. Die Kunst des Sachverständigen besteht darin, die Methode passend zur Fragestellung zu wählen und die Genauigkeit der Aussage nicht zu überschätzen.
Warum das Baumalter wichtig ist
Das Baumalter hat in mehreren Bereichen unmittelbare Bedeutung. Bei der Baumwertermittlung beeinflusst es den Herstellungswert, die Alterswertminderung und die Lebenserwartung. In der Baumkontrolle kann es helfen, Entwicklungsphase, Vitalität und Reaktionsvermögen einzuordnen. Für die Baumpflege ist es bedeutsam, weil Maßnahmen bei einem jungen, reaktionsfähigen Baum anders zu bewerten sind als bei einem Altbaum mit eingeschränkter Kompensationsfähigkeit. Auch bei der Frage, ob eine aufwendige Sanierungsmaßnahme, eine Kronensicherung, ein Kronenrückschnitt oder eine eingehende Untersuchung wirtschaftlich und fachlich sinnvoll ist, spielt die Reststandzeit eine zentrale Rolle.
Das Alter darf dabei nicht isoliert betrachtet werden. Ein 80-jähriger Baum kann je nach Baumart, Standort und Vorschäden noch in einer stabilen Reifephase stehen oder bereits deutliche Alterserscheinungen zeigen. Eine Pappel, Birke oder Erle erreicht ihre Altersphase deutlich früher als eine Eiche, Linde oder Eibe. Ebenso wächst ein Solitärbaum auf gutem Standort anders als ein Baum im dichten Bestand, an einer versiegelten Straße oder in einem trockenen, verdichteten Wurzelraum.
Alter, Entwicklungsphase und Lebenserwartung
In der forstlichen Betrachtung wird häufig mit Umtriebszeiten gearbeitet. Die Umtriebszeit beschreibt den Zeitraum von der Begründung eines Bestandes bis zur Nutzung beziehungsweise Ernte. Sie ist kein biologisches Höchstalter, sondern eine wirtschaftlich und waldbaulich geprägte Größe. Gerade dieser Unterschied ist wichtig: Ein Baum kann seine Hiebsreife lange vor seinem natürlichen Höchstalter erreichen.
So können schnellwachsende Baumarten wie Pappeln bereits nach wenigen Jahrzehnten hiebsreif sein, während Eichen forstlich deutlich längere Produktionszeiträume aufweisen. Gleichzeitig können Eichen, Linden oder Tannen ein biologisches Alter erreichen, das die übliche forstliche Umtriebszeit erheblich übersteigt. Für die Baumpflege im Siedlungsraum ist daher nicht die forstliche Hiebsreife entscheidend, sondern die individuelle Verkehrssicherheit, Vitalität, ökologische Funktion und Entwicklungsperspektive.
Das natürliche Höchstalter ist ebenfalls nur ein Orientierungswert. Es beschreibt keine Garantie, sondern eine biologische Möglichkeit unter günstigen Umständen. Stadtstandorte, Bauarbeiten, Bodenverdichtung, Trockenstress, Wurzelschäden, Schnittfehler, Pilzbefall oder wiederholte Kronenverluste können die erreichbare Lebensdauer erheblich verkürzen. Umgekehrt können Bäume auf günstigen Standorten erstaunliche Kompensationsleistungen zeigen und über lange Zeiträume erhalten werden.
Dokumente und historische Hinweise
Die beste Altersbestimmung ist häufig nicht die technische, sondern die historische. Pflanzpläne, alte Luftbilder, Bauakten, Parkpflegewerke, historische Fotografien, Rechnungen, Katasterunterlagen, Chroniken oder glaubwürdige Zeitzeugenberichte können wertvolle Hinweise liefern. Bei Bäumen auf öffentlichen Plätzen, Friedhöfen, Gutsanlagen, Alleen oder historischen Parkflächen ist diese Recherche oft besonders ergiebig.
Solche Angaben müssen jedoch kritisch geprüft werden. Nicht jeder als „hundertjährig“ bezeichnete Baum ist tatsächlich hundert Jahre alt, und nicht jeder „tausendjährige“ Baum kommt auch nur annähernd in diese Altersklasse. Gerade bei sehr alten oder kulturhistorisch bedeutsamen Bäumen werden Altersangaben häufig tradiert, überhöht oder aus der Dimension des Baumes abgeleitet, ohne dass eine belastbare Grundlage besteht.
Historische Quellen sind deshalb nicht unkritisch zu übernehmen. Sie sind zu gewichten, mit dem heutigen Erscheinungsbild abzugleichen und nach Plausibilität zu prüfen. Wurde der Baum tatsächlich gepflanzt oder handelt es sich um Stockausschlag? Stand an der Stelle früher bereits ein Altbaum? Wurde ein Baum ersetzt? Passt der Stammumfang zur behaupteten Pflanzzeit? Erst durch solche Plausibilitätsprüfungen wird aus einer historischen Angabe eine fachlich verwertbare Altersinformation.
Jahresringzählung als genaueste Methode
Die genaueste Altersbestimmung erfolgt durch das Auszählen der Jahresringe an der Stammbasis. Jahresringe entstehen durch den Wechsel von Frühholz und Spätholz innerhalb einer Vegetationsperiode. Wird eine Stammscheibe unmittelbar über dem Wurzelanlauf entnommen, lässt sich das Alter in der Regel am zuverlässigsten bestimmen.
Diese Methode hat allerdings einen entscheidenden Nachteil: Sie setzt normalerweise voraus, dass der Baum gefällt wurde. Für lebende, zu erhaltende Bäume ist sie daher nur ausnahmsweise relevant. Bei bereits gefällten Bäumen, bei Schadensfällen, Beweissicherungen oder Wertermittlungen nach Verlust eines Baumes kann die Stammscheibe dagegen eine sehr gute Grundlage liefern.
Auch bei der Jahresringzählung sind Fehler möglich. Falsche Jahresringe, unterdrückte Zuwächse, eingewachsene Äste, Unregelmäßigkeiten, exzentrisches Wachstum oder Einrollungen können die Auszählung erschweren. Der Vorteil der Stammscheibe liegt jedoch darin, dass der gesamte Querschnitt sichtbar ist. Der Sachverständige kann Störungen im Jahrringverlauf erkennen und die Auszählung entsprechend kontrollieren.
Zuwachsbohrer und Bohrkern
Soll der Baum erhalten bleiben, kann ein Zuwachsbohrer eingesetzt werden. Dabei wird ein schmaler Bohrkern entnommen, an dem die Jahresringe ausgezählt werden. Diese Methode ist weniger invasiv als die Entnahme einer Stammscheibe, verursacht aber dennoch eine Verletzung des Holzkörpers.
Für ein korrektes Ergebnis muss der Bohrkern vom Kambium bis zum Mark reichen. Genau darin liegt eine wesentliche Fehlerquelle. Bei alten Bäumen liegt das Mark häufig nicht exakt im geometrischen Zentrum des Stammes. Der Stamm kann exzentrisch gewachsen sein, Wurzelanläufe und Reaktionsholz können die Orientierung erschweren, und Höhlungen oder Fäulen können den inneren Stammbereich zerstört haben. Wird das Mark nicht erreicht, fehlen die inneren Jahrringe. Das Alter wird dann zu niedrig angesetzt oder muss ergänzt werden.
Bei hohlen oder stark kernfaulen Bäumen ist die Methode nur eingeschränkt brauchbar. Gerade bei alten Stadtbäumen, bei denen das Alter besonders interessiert, fehlen häufig die ältesten Jahrringe im Zentrum. In solchen Fällen ist eine Bohrkernanalyse nicht nur ungenau, sondern kann auch fachlich nicht gerechtfertigt sein, wenn sie zusätzliche Verletzungen verursacht und dennoch keine belastbare Aussage liefert.
Bohrwiderstandsmessung zur Altersabschätzung
Auch die Bohrwiderstandsmessung kann Hinweise auf Jahresringstrukturen liefern. Das Verfahren misst den Widerstand, den das Holz einer dünnen Bohrnadel entgegensetzt. Bei einer radialen Bohrung können Unterschiede zwischen Früh- und Spätholz als Schwankungen im Messprofil sichtbar werden. Besonders bei Nadelhölzern mit ausgeprägten Jahrringen kann dies hilfreich sein.
Die Methode ist jedoch keine gleichwertige Alternative zur visuellen Jahresringzählung. Der Messschrieb zeigt Widerstandsschwankungen, aber keine sichtbaren Jahrringe im eigentlichen Sinn. Bei Laubhölzern hängt die Ausprägung stark von Holzdichte, Ringporigkeit, Zerstreutporigkeit und individueller Holzstruktur ab. Zudem ist oft nicht sicher erkennbar, ob das Mark erreicht wurde. Einwachsungen, Defekte, Fäulen oder unregelmäßige Jahrringverläufe können das Ergebnis verfälschen.
Für die Baumaltersbestimmung kann die Bohrwiderstandsmessung daher nur ergänzend eingesetzt werden. Ihr Hauptzweck liegt in der Untersuchung der Holzstruktur und nicht in der exakten Altersdatierung.
Radiocarbonmethode
Die Radiocarbonmethode arbeitet unabhängig von der Jahresringzählung. Sie beruht auf dem Verhältnis der Kohlenstoffisotope C14 und C12. Nach dem Absterben beziehungsweise nach der Verkernung von Holz wird kein neuer Kohlenstoff mehr aufgenommen, und der C14-Gehalt nimmt durch radioaktiven Zerfall ab. Daraus kann das Alter einer Holzprobe bestimmt werden.
Für archäologische Hölzer, historische Bauhölzer oder alte Fachwerkkonstruktionen ist diese Methode bewährt. Bei lebenden Bäumen ist sie dagegen problematisch. Sie datiert eine Probe beziehungsweise einen bestimmten Holzbereich, nicht ohne Weiteres den gesamten Baum. Außerdem ist sie aufwendig, teuer und in der praktischen Baumpflege kaum das Mittel der Wahl. Sie kann in Sonderfällen von wissenschaftlichem oder denkmalpflegerischem Interesse Bedeutung haben, ersetzt aber nicht die sachverständige Altersansprache im Alltag.
Altersbestimmung nach Größe und Habitus
Die Altersabschätzung nach Erscheinungsbild, Größe und Habitus ist eine klassische sachverständige Methode. Sie berücksichtigt Baumart, Kronenform, Stammumfang, Borkenstruktur, Totholzanteil, Vitalität, Reaktionsholzbildung, Standort und Konkurrenzsituation. Sie verlangt große Erfahrung und gute Artenkenntnis.
Ihr Vorteil liegt in der ganzheitlichen Betrachtung. Ein Baum wird nicht nur als Messwert, sondern als gewachsenes Individuum gesehen. Der Habitus zeigt häufig, ob ein Baum frei aufgewachsen, eingeengt, gekappt, wiederholt zurückgeschnitten, im Bestand unterdrückt oder durch Standortstress gezeichnet ist.
Der Nachteil liegt in der Subjektivität. Zwei erfahrene Sachverständige können zu unterschiedlichen Altersspannen kommen, insbesondere wenn der Standort ungewöhnlich ist oder der Baum durch Schnitt- und Schadereignisse stark überprägt wurde. Deshalb sollte die Habitusmethode möglichst nicht allein verwendet werden, sondern mit Umfangsmessung, historischen Hinweisen und Vergleichswerten kombiniert werden.
Die Mitchell-Formel
Die Mitchell-Formel ist eine einfache Methode zur verletzungsfreien Altersabschätzung aus dem Stammumfang. Der Grundgedanke ist plausibel: Während die Baumhöhe im Alter häufig nur noch wenig zunimmt, wächst der Stammumfang über lange Zeit weiter. Der Umfang kann daher als Näherungsgröße für das Alter dienen.
In ihrer einfachen Form wird der Stammumfang durch den mittleren jährlichen Umfangszuwachs geteilt:
Baumalter = Stammumfang / mittlerer jährlicher Umfangszuwachs
Mitchell geht für viele voll bekrönte Solitärbäume von einem durchschnittlichen Umfangszuwachs von etwa 2,5 cm pro Jahr aus. Daraus ergibt sich die bekannte Näherung:
Baumalter = Stammumfang in cm / 2,5
Ein Baum mit 250 cm Stammumfang wäre danach ungefähr 100 Jahre alt. Diese einfache Rechnung ist bewusst eine Näherung. Sie funktioniert am besten bei Solitärbäumen mit voller Krone und mittlerer Wüchsigkeit. Steht ein Baum eingeengt, etwa in einer Allee, wird das errechnete Alter mit einem Korrekturfaktor erhöht. Bei Bestandsbäumen kann ein noch höherer Korrekturfaktor erforderlich werden, weil Konkurrenz um Licht, Wasser und Nährstoffe den Umfangszuwachs verringert.
Der Vorteil der Methode ist ihre Einfachheit. Maßband und Taschenrechner genügen. Der Baum wird nicht verletzt. Die Methode ist auch dann anwendbar, wenn der Stamm im Inneren hohl oder kernfaul ist und Jahresringe nicht mehr vollständig vorhanden sind. Gerade bei alten, erhaltenswerten Bäumen ist dies ein erheblicher praktischer Vorteil.
Baumart und Standort verändern den Altersfaktor
Die zentrale Schwäche jeder Umfangsformel liegt im Altersfaktor. Baumarten wachsen unterschiedlich schnell. Pappeln, Platanen, Douglasien, Mammutbäume oder Paulownien können in kurzer Zeit erhebliche Stammumfänge entwickeln. Eichen, Linden, Eiben, Kiefern oder Buchen wachsen – je nach Standort – deutlich langsamer. Wird für alle Baumarten derselbe Zuwachs angesetzt, entstehen erhebliche Fehler.
Ein einfaches Faktorenmodell arbeitet daher umgekehrt mit Multiplikationsfaktoren:
Baumalter = Umfang × Altersfaktor
Langsam wachsende Baumarten erhalten höhere Faktoren, schnell wachsende niedrigere. In den bereitgestellten Tabellen werden etwa Eiche und Linde mit 0,8, Eibe und Föhre mit 0,7, Buche und Ahorn mit 0,6, Esche, Schwarzpappel und Fichte mit 0,5, Platane und Edelkastanie mit 0,4, Mammutbaum mit 0,3 und Paulownia mit 0,15 angesetzt. Solche Faktoren sind für die Praxis nützlich, weil sie schnell eine grobe Orientierung ermöglichen.
Sie dürfen aber nicht als exakte Rechenwerte missverstanden werden. Derselbe Baum kann auf tiefgründigem, gut wasserversorgtem Boden wesentlich schneller wachsen als auf trockenem, verdichtetem oder versiegeltem Standort. Ein freigestellter Baum wächst anders als ein Baum in Konkurrenz. Auch Schnittmaßnahmen, Kronenverluste, Trockenjahre, Krankheiten und Standortveränderungen verändern den jährlichen Zuwachs.
Ergebnisse zur Genauigkeit der Mitchell-Methode
Die Feldstudie von Kappel und Mattheck zeigt, dass zwischen Stammumfang und Baumalter ein nachvollziehbarer Zusammenhang besteht. Für Bäume im Altersbereich von etwa 20 bis 150 Jahren konnten mit der Mitchell-Formel unter den genannten Bedingungen gute Ergebnisse erzielt werden. Entscheidend ist, dass der verwendete Altersfaktor als mittlerer jährlicher Umfangszuwachs verstanden und an Baumart, Standort und Wuchsbedingungen angepasst wird.
In der Untersuchung wurden für verschiedene Baumarten konkrete Altersfaktoren ermittelt. Genannt werden unter anderem Buche mit 1,86, Eiche mit 1,95, Edelkastanie mit 2,44, Pappel mit 5,65, Fichte mit 2,46 und Kiefer mit 1,56 als mittlere jährliche Umfangszuwächse in cm pro Jahr. Diese Werte zeigen deutlich, wie groß die Unterschiede zwischen den Baumarten sein können. Eine Pappel kann bei gleichem Alter einen wesentlich größeren Umfang erreichen als eine Kiefer oder Eiche.
Besonders aufschlussreich ist die Standortabhängigkeit. Für Edelkastanie, Kiefer und Fichte wurden unterschiedliche Altersfaktoren je nach Standort festgestellt. Damit bestätigt sich eine Erfahrung aus der täglichen Sachverständigenpraxis: Die Baumart allein genügt nicht. Der Standort entscheidet mit.
Messhöhe und Messfehler
Die Altersberechnung aus dem Stammumfang steht und fällt mit der richtigen Messung. In der Praxis wird häufig in Brusthöhe gemessen, also in etwa 1,30 m Höhe. Mitchell arbeitete mit einer Messhöhe von 1,50 m. Kappel und Mattheck weisen jedoch darauf hin, dass für die Anwendung ihrer Methode möglichst niedrig gemessen werden sollte – allerdings ohne Wurzelanläufe oder untypische Verdickungen mitzumessen.
Das ist fachlich wichtig. Wird in einem Bereich mit starken Wurzelanläufen, Stammfußverbreiterungen, Überwallungen oder Reparaturanbauten gemessen, erscheint der Umfang zu groß und das Alter wird überschätzt. Wird dagegen zu hoch gemessen, können die unterhalb der Messhöhe liegenden Entwicklungsjahre fehlen. In solchen Fällen muss oberhalb der Verdickung gemessen und das Alter bis zum Erreichen der Messhöhe hinzugerechnet werden.
Auch mehrstämmige Bäume, Zwiesel, ehemalige Stockausschläge und stark geneigte oder exzentrisch gewachsene Stämme erfordern besondere Vorsicht. Hier kann eine einfache Umfangsformel leicht zu falschen Ergebnissen führen.
Junge und sehr alte Bäume
Bei sehr jungen Bäumen ist die Altersbestimmung aus dem Umfang oft ungenau, weil die Jugendzuwächse stark schwanken. Baumschulqualität, Pflanzgröße, Anwachsphase, Pflege, Wässerung und Konkurrenz beeinflussen den frühen Zuwachs erheblich.
Bei sehr alten Bäumen entsteht das umgekehrte Problem. Der Umfangszuwachs nimmt häufig ab, vor allem wenn die Krone zurückgeht, die Vitalität sinkt oder der Baum nur noch geringe Jahreszuwächse bildet. Eine lineare Formel kann dann das Alter unterschätzen oder überschätzen, je nachdem, welche Lebensphase der Rechenwert abbildet. Besonders bei Veteranenbäumen, Kopfbäumen, hohlen Altbäumen und stark reduzierten Kronen ist daher keine punktgenaue Altersangabe seriös. Hier sollte mit Altersspannen gearbeitet werden.
Eine fachlich saubere Aussage lautet dann nicht: „Der Baum ist 237 Jahre alt“, sondern beispielsweise: „Unter Berücksichtigung von Baumart, Stammumfang, Standort, Habitus und Zuwachsverhalten ist ein Alter in der Größenordnung von etwa 180 bis 230 Jahren plausibel.“
Baumalter und Reststandzeit
Aus dem Alter allein folgt keine Reststandzeit. Ein Baum ist nicht deshalb gefährlich, weil er alt ist. Alter ist zunächst ein biologischer und historischer Zustand, kein Schadensmerkmal. Für die Reststandzeit sind Vitalität, Kronenstruktur, Standort, Defekte, Holzabbau, Kompensationsfähigkeit, Verkehrserwartung und Pflegezustand entscheidend.
Das Alter hilft aber, diese Faktoren richtig einzuordnen. Ein alter Baum mit geringer Vitalität und fortschreitender Fäule hat eine andere Prognose als ein jüngerer Baum mit vergleichbarem Defekt. Umgekehrt kann ein sehr alter Baum mit stabiler Krone, guter Abschottung und geringer Verkehrserwartung noch lange erhalten werden. Gerade im Gutachten ist es daher wichtig, Alter, Lebenserwartung und Verkehrssicherheit nicht miteinander zu vermischen.
Baumalter in der Baumwertermittlung
In der Baumwertermittlung ist das Alter ein wichtiger Faktor, weil es den Entwicklungszustand und die verbleibende Funktionserwartung beeinflusst. Bei der Wertermittlung geht es nicht nur um biologische Lebensdauer, sondern auch um Funktion: Gestaltung, Beschattung, Stadtklima, ökologische Bedeutung, Raumbildung und Ersatzdauer.
Ein älterer Baum kann trotz eingeschränkter Reststandzeit einen hohen Wert besitzen, weil seine Funktion kurzfristig nicht ersetzbar ist. Ein junger Baum kann langfristig wertvoll werden, erfüllt aber die aktuelle Funktion eines großen Altbaums nicht. Die Altersbestimmung muss deshalb immer in die konkrete Bewertungsaufgabe eingebunden werden.
Praktische Vorgehensweise für Sachverständige
In der sachverständigen Praxis empfiehlt sich ein gestuftes Vorgehen:
Zunächst werden vorhandene Unterlagen geprüft: Pflanzdaten, Luftbilder, historische Fotos, Kataster, Pflegeakten, Baumkataster, Zeugenaussagen und Standortgeschichte. Danach erfolgt eine baumfachliche Ansprache von Art, Habitus, Standort, Vitalität, Schnittgeschichte und Defekten. Anschließend wird der Stammumfang fachgerecht gemessen. Bei Bedarf wird die Altersabschätzung über mehrere Faktorenmodelle, Vergleichsbäume und Wuchsbedingungen plausibilisiert.
Technische Verfahren wie Bohrkernentnahme, Bohrwiderstandsmessung oder Laboranalysen sollten nur eingesetzt werden, wenn der Erkenntnisgewinn den Eingriff rechtfertigt. Bei erhaltenswerten Altbäumen ist die verletzungsfreie Methode regelmäßig vorzuziehen, sofern die geforderte Genauigkeit damit erreicht werden kann.
Im Gutachten sollte die Methode klar benannt werden. Ebenso sollten Messhöhe, Stammumfang, Baumart, Standortbedingungen, verwendeter Faktor und Unsicherheiten dokumentiert werden. Je größer die Unsicherheit, desto eher ist mit Altersspannen statt mit exakten Einzelwerten zu arbeiten.
Grenzen der Altersbestimmung
Jede Altersbestimmung hat Grenzen. Exakte Ergebnisse sind selten. Hohlräume, Fäule, fehlende Jahrringe, exzentrisches Wachstum, Stockausschlag, Standortstress, frühere Kappungen, Kronenverluste oder außergewöhnliche Wuchsbedingungen können die Aussage erschweren. Besonders alte Bäume lassen sich häufig nicht mehr exakt datieren, weil die ältesten Holzteile fehlen.
Die fachliche Redlichkeit verlangt, diese Grenzen offen zu benennen. Eine grobe, aber plausible Altersspanne ist besser als eine scheinbar genaue Zahl ohne belastbare Grundlage. Gerade in Gutachten, bei Gerichtsverfahren oder Wertermittlungen sollte die Altersangabe nicht genauer formuliert werden, als die Methode es hergibt.
Fazit
Die Bestimmung des Baumalters ist eine wichtige, aber methodisch anspruchsvolle Aufgabe. Die genaueste Methode ist die Jahresringzählung an der Stammbasis, sie setzt jedoch meist die Fällung des Baumes voraus. Bohrkerne und Bohrwiderstandsmessungen können Hinweise liefern, sind aber bei hohlen, faulen oder unregelmäßig gewachsenen Bäumen nur eingeschränkt zuverlässig. Historische Unterlagen und Habitusansprache bleiben unverzichtbare Bestandteile der fachlichen Bewertung.
Die Mitchell-Formel und vergleichbare Umfangsmodelle sind für die Praxis besonders wertvoll, weil sie verletzungsfrei, einfach und schnell anwendbar sind. Ihre Ergebnisse sind jedoch nur so gut wie die Anpassung an Baumart, Standort, Wuchsform und Lebensphase. Wer einen Stammumfang lediglich in eine Formel einsetzt, erhält eine Zahl. Wer Baumart, Standort, Habitus, Messhöhe und Zuwachsverhalten berücksichtigt, erhält eine fachlich brauchbare Altersschätzung.
Für die Sachverständigenpraxis gilt daher: Das Baumalter sollte nicht behauptet, sondern hergeleitet werden. Eine gute Altersangabe ist nachvollziehbar, methodisch begründet und in ihrer Genauigkeit ehrlich begrenzt. Gerade diese Zurückhaltung macht sie belastbar.
Quellenangaben
Kappel, R.; Mattheck, C. (2002): Wie genau ist die Mitchell-Formel zur Baumaltersbestimmung aus dem Stammumfang? In: Neue Landschaft, 8/2002, Patzer Verlag, S. 45 ff. Der Beitrag behandelt Methoden der Altersbestimmung, Jahresringzählung, Bohrkern, Bohrwiderstandsmessung, Radiocarbonmethode und die Mitchell-Formel.
Kappel, R.; Mattheck, C. (2002): Wie genau ist die Mitchell-Formel zur Baumaltersbestimmung aus dem Stammumfang? In: Neue Landschaft, 8/2002, Inhaltsverzeichnis mit Beitragsnachweis auf S. 145 der Ausgabe.
Kappel, R.; Mattheck, C. (2002): Ergebnisse zur Mitchell-Formel. Die Studie beschreibt die Berechnung aus Stammumfang und mittlerem jährlichem Umfangszuwachs, nennt artspezifische Altersfaktoren und weist auf die Bedeutung von Baumart, Standort und Umwelteinflüssen hin.
Kappel, R.; Mattheck, C. (2002): Zusammenfassung der Untersuchung zur Mitchell-Formel. Danach besteht ein Zusammenhang zwischen Stammumfang und Alter; die Methode liefert im untersuchten Altersbereich von etwa 20 bis 150 Jahren unter den genannten Bedingungen gute Ergebnisse.
Kappel, R.; Mattheck, C. (2002): Mitchell-Formel und Messpraxis. Genannt werden die Grundannahme eines Umfangszuwachses von 2,5 cm pro Jahr bei voll bekrönten Solitärbäumen sowie Korrekturen für eingeengte Bäume und Bestandsbäume.
Baumalter bestimmen (o. J.): Kurzübersicht zur Altersabschätzung aus Umfang und Altersfaktor mit Baumartenliste, u. a. Eiche, Linde, Eibe, Buche, Ahorn, Fichte, Platane, Mammutbaum und Paulownia.
Wald-Prinz (2013): Umtriebszeit: Wie lange benötigt ein Baum bis zur Hiebsreife? Veröffentlichung vom 05.06.2013. Enthält eine Übersicht zu Umtriebsalter, natürlichem Höchstalter und Endbaumhöhe wichtiger Baumarten.
Wald-Prinz (2013): Determinanten des Umtriebsalters. Beschrieben werden Baumart, Standort, Boden, Wasserversorgung, Lichtangebot, Temperaturverlauf und Betriebsziel als Einflussgrößen des Umtriebsalters.