Zugversuch

Der baumstatische Zugversuch

Präzisionsinstrument der eingehenden Baumuntersuchung

Von Alexander Kraus, Sachverständiger für Baumpflege und Baumsanierung

Die Beurteilung der Verkehrssicherheit von Bäumen verlangt mehr als Erfahrung, Sichtkontrolle und den Blick auf sichtbare Defektsymptome. Ein Baum ist kein genormtes Bauteil, sondern ein lebendes, wachsendes und auf Schäden reagierendes Tragwerk. Höhlungen, Fäulen, Risse oder Pilzfruchtkörper können Hinweise auf eine reduzierte Sicherheit sein. Sie beweisen sie aber nicht. Ebenso wenig ist ein äußerlich vitaler Baum automatisch stand- oder bruchsicher. Die fachliche Aufgabe besteht darin, die vorhandene Tragfähigkeit mit den zu erwartenden Lasten zu vergleichen.

Genau hier setzt der baumstatische Zugversuch an. Er ist eine etablierte zerstörungsfreie Methode zur Untersuchung der Stand- und Bruchsicherheit von Bäumen. Sein besonderer Wert liegt darin, dass nicht nur ein Schaden beschrieben, sondern die mechanische Reaktion des konkreten Baumes unter definierter Belastung gemessen wird. Gerade bei Altbäumen mit erheblichen Defektsymptomen ist diese Differenzierung entscheidend, weil viele dieser Bäume trotz sichtbarer Schäden noch über erhebliche Sicherheitsreserven verfügen.

Grundprinzip: Last gegen Tragfähigkeit

Baumstatik ist im Kern die Gegenüberstellung zweier Größen: Auf der einen Seite stehen die zu erwartenden Windlasten, auf der anderen Seite die Tragfähigkeit von Stamm, Krone, Wurzeln und Boden-Wurzel-Verbund. Sicherheit entsteht nicht aus dem Fehlen von Defekten, sondern aus ausreichender Reserve gegenüber der maßgeblichen Belastung.

Der Zugversuch bildet diese Grundidee in einem kontrollierten Messverfahren ab. Über ein in der Krone oder im oberen Stammbereich befestigtes Seil wird mit einer Handwinde eine geringe quasi-statische Ersatzlast in den Baum eingeleitet. Der Baum wird dabei nicht „auf Festigkeit geprüft“ wie ein technisches Bauteil im Labor, sondern nur so weit belastet, dass seine Reaktion im elastischen, reversiblen Bereich messbar wird. Die tatsächliche Versagenslast wird anschließend rechnerisch aus den Messdaten abgeleitet.

Fachlich besteht die Methode aus vier aufeinanderfolgenden Schritten: Messung der Baumreaktion unter Last, Extrapolation der Tragfähigkeit, Windlastanalyse und Bewertung durch Ermittlung von Sicherheitsfaktoren. Erst diese vollständige Kette macht aus der Messung eine verkehrssicherheitsrelevante Aussage.

Was beim Zugversuch tatsächlich gemessen wird

Während der Belastung werden drei Messgrößen kontinuierlich erfasst: die eingeleitete Kraft, die Dehnung beziehungsweise Stauchung der Randfasern im Stamm und die Neigung der Wurzelplatte. Damit werden die beiden wesentlichen Versagensarten eines Baumes getrennt betrachtet: Bruchversagen im Stamm oder in tragenden Baumteilen sowie Kippversagen durch unzureichende Verankerung.

Für die Kraftmessung wird ein Dynamometer eingesetzt. Die Verformung des Stammes erfassen Elastometer, die kleinste Längenänderungen der Holzfasern registrieren. Die Bewegung des Wurzeltellers wird mit Inclinometern gemessen. Die Messgeräte erfassen Reaktionen, die mit bloßem Auge nicht sichtbar sind. Dadurch lässt sich der Baum in einem Belastungsbereich untersuchen, der weit unterhalb einer Schädigung liegt.

Die Messung wird beendet, bevor bleibende Verformungen entstehen. Bei der Untersuchung der Verankerung wird im Zugversuch maximal eine Neigung von 0,25° eingestellt; bis zu diesem Punkt gilt die Verformung als vollständig reversibel, ohne dauerhafte Schäden am Wurzelsystem.

Bruchsicherheit: Was die Faserverformung verrät

Beim Biegen eines Stammes entstehen Druck- und Zugspannungen in den Randfasern. Ein intakter Stamm mit ausreichendem Querschnitt verformt sich unter Last anders als ein hohler, fauler oder lokal geschädigter Stamm. Die gemessene Faserstauchung oder Faserdehnung erlaubt Rückschlüsse darauf, wie nahe der Baum bei einer bestimmten Belastung an die materialbedingte Grenze seiner Tragfähigkeit kommt.

Die Messung allein ist noch keine Bruchsicherheitsbewertung. Die erfassten Verformungen müssen auf definierte Grenzwerte extrapoliert werden. Entscheidend ist dabei die Qualität der Messreihe: Viele Messwerte, ein ausreichend großer Anteil des elastischen Bereichs und eine klare lineare Beziehung zwischen Last und Verformung erhöhen die Zuverlässigkeit der Hochrechnung erheblich. Bei wenigen Messwerten oder geringer Ausnutzung des elastischen Bereichs sinkt die Aussagekraft.

Für die Praxis bedeutet das: Der Zugversuch ist kein Gerätetest, sondern ein sachverständiges Mess- und Bewertungsverfahren. Sensorposition, Lastansatz, Messdatenqualität, Plausibilitätskontrolle und fachliche Interpretation entscheiden über die Belastbarkeit des Ergebnisses.

Standsicherheit: Die Verankerung im Boden

Beim Kippversagen versagt nicht der Stamm, sondern der Boden-Wurzel-Verbund. Die Wurzelplatte beginnt sich unter Last zu neigen; bei zunehmender Belastung reißen Wurzeln, Boden wird verdrängt, und der Baum kippt. Der Zugversuch nutzt die Neigung am Stammfuß als Indikator für die Verankerungskraft.

Die Last, die für eine geringe Neigung erforderlich ist, wird auf eine rechnerische Kipplast hochgerechnet. Untersuchungen zeigen, dass zwischen dem Biegemoment bei 0,25° Neigung und der maximalen Kipplast häufig ein enger Zusammenhang besteht. Gleichzeitig ist bekannt, dass Baumart, Wurzelarchitektur, Bodenart, Bodenfeuchte und Temperatur die Verankerung beeinflussen. Deshalb darf die Standsicherheitsbewertung nie losgelöst vom Standort erfolgen.

Besonders wichtig ist der Boden. Mit zunehmender Bodenfeuchte kann die Verankerung geschwächt werden. Bei starkem Frost können rechnerische Standsicherheiten deutlich überschätzt werden, weil gefrorener Boden den Wurzelraum künstlich versteift. Messungen an Winter-Linden zeigten bei starkem Frost deutlich erhöhte rechnerische Sicherheitswerte: Die minimale Sicherheit gegen Kippen wurde im Mittel etwa um den Faktor 2, im Extrem nahezu um den Faktor 2,4 zu hoch angegeben; auch die Bruchsicherheit wurde im Mittel um rund 30 % überschätzt.

Windlastanalyse: Ohne Wind keine Baumstatik

Ein Zugversuch beantwortet nicht die Frage, ob ein Baum „stark“ ist. Er beantwortet die Frage, ob seine Tragfähigkeit im Verhältnis zur zu erwartenden Windlast ausreicht. Deshalb ist die Windlastanalyse kein Zusatz, sondern ein Kernbestandteil der Methode.

Berücksichtigt werden unter anderem Baumhöhe, Kronenfläche, Lastschwerpunkt, Kronenform, Belaubung, Standort, Geländerauigkeit, Turbulenz, Düseneffekte sowie dynamische Eigenschaften des Baumes. Ein freistehender Baum auf exponiertem Standort ist anders zu bewerten als ein Baum im geschützten Bestand oder im städtischen Innenhof. Ebenso verändert ein Kronenrückschnitt die Windangriffsfläche und damit die Lastannahme.

Dynamische Effekte sind besonders anspruchsvoll. Bäume sind keine starren Masten. Äste, Zweige und Blätter wirken dämpfend, verändern den Windwiderstand und verteilen Bewegungsenergie im Kronenraum. Gerade deshalb müssen dynamische Aspekte in die Windlastabschätzung einfließen, auch wenn der eigentliche Zugversuch als statische Belastung durchgeführt wird.

Der Sicherheitsfaktor: Zahl mit fachlichem Kontext

Das Ergebnis der Auswertung ist in der Regel ein Sicherheitsfaktor. Er beschreibt, wie groß die Reserve der Tragfähigkeit gegenüber der angesetzten Windbelastung ist. Entspricht die Widerstandskraft genau der erwarteten Last, liegt der Sicherheitsfaktor bei 1. In der Baumstatik wird üblicherweise ein Sicherheitsfaktor von 1,5 gefordert. Dieser Wert ist aber nur sinnvoll interpretierbar, wenn er mit der visuellen, biologischen und standörtlichen Beurteilung verknüpft wird.

Ein Sicherheitsfaktor ist keine isolierte Wahrheit. Er ist das Ergebnis aus Messung, Modellannahmen, Materialkennwerten, Windlastanalyse und sachverständiger Bewertung. Ein Baum mit rechnerisch ausreichender Sicherheit kann dennoch ungünstige Entwicklungstendenzen zeigen, etwa fortschreitende Fäule, Vitalitätsverlust oder Standortveränderungen. Umgekehrt kann ein auffällig hohler Baum bei günstiger Geometrie, ausreichender Restwand, reduzierter Krone und gutem Standort noch verkehrssicher sein.

Wann der Zugversuch angewendet wird

Der Zugversuch gehört zur eingehenden Baumuntersuchung. Er ist nicht Bestandteil der routinemäßigen Regelkontrolle und nicht für jeden Baum erforderlich. Eingesetzt wird er, wenn eine visuelle Kontrolle keine ausreichend belastbare Aussage erlaubt und die Entscheidung eine höhere diagnostische Sicherheit verlangt.

Typische Einsatzfälle sind alte oder wertvolle Bäume mit Defektsymptomen, etwa Höhlungen, Pilzbefall, Risse, Stammfußschäden oder Verdacht auf Wurzelbeeinträchtigungen. Gerade bei Naturdenkmalen, stadtbildprägenden Bäumen, geschützten Einzelbäumen oder Bäumen an sensiblen Standorten kann der Zugversuch helfen, Erhalt oder Eingriff fachlich zu begründen. Die Methode ist auch geeignet, Maßnahmen wie Kroneneinkürzungen nicht nur pauschal, sondern anhand veränderter Windlasten und Sicherheitsreserven zu bewerten. In der praktischen Ausbildung wurde etwa eine vom Riesenporling befallene Buche mit Zugversuch und TSE-Auswertung untersucht; dabei wurden auch Simulationsrechnungen zum Einfluss von Kronenrückschnitten durchgeführt.

Sinnvoll ist der Zugversuch insbesondere dann, wenn die Alternative ohne Messung nur zwischen Fällung aus Vorsicht und Erhalt aus Hoffnung bestünde. Sein Nutzen liegt darin, diese Grauzone zu verkleinern.

Wann der Zugversuch nicht angezeigt ist

Nicht jeder Baum mit Defekt benötigt einen Zugversuch. Ist die Gefahr bereits eindeutig erkennbar, kann eine technische Untersuchung unnötig oder sogar unverantwortlich sein. Ein weitgehend abgestorbener Baum, ein akut aufgerissener Stamm, eine frisch angehobene Wurzelplatte oder ein Baum mit eindeutigem, fortgeschrittenem Versagen verlangt häufig keine weitere rechnerische Verfeinerung, sondern eine unmittelbare Sicherungsentscheidung.

Ebenso ist der Zugversuch nicht das richtige Mittel, wenn die Fragestellung mit einfacheren Methoden ausreichend beantwortet werden kann. Bohrwiderstandsmessung, Schalltomografie, Sondierung, eingehende visuelle Untersuchung, Pilzdiagnose oder Standortanalyse können je nach Fall zielführender sein. Die Wahl der Methode richtet sich nach der Fragestellung, nicht nach der Verfügbarkeit eines Geräts.

Grenzen und Kritik

Der Zugversuch ist leistungsfähig, aber nicht unfehlbar. Kritische Auseinandersetzungen mit der Methode weisen zu Recht darauf hin, dass Bäume keine perfekten Rundbalken oder Hohlzylinder sind. Sie besitzen exzentrische Höhlungen, unregelmäßige Querschnitte, Risse, Krümmungen, wechselnde Holzeigenschaften und anisotropes Materialverhalten. Wer solche Vereinfachungen ignoriert, erzeugt Scheingenauigkeit.

Diese Kritik entwertet den Zugversuch nicht. Sie beschreibt die Anforderungen an seine seriöse Anwendung. Der fachlich richtige Umgang besteht darin, die Grenzen der Modelle zu kennen, Messwerte kritisch zu prüfen und Ergebnisse nicht mechanisch zu übernehmen. Besonders bei komplexen Schadbildern, stark exzentrischen Fäulen, Längsrissen, Schubversagen, außergewöhnlichen Kronenformen oder schwierigen Bodenverhältnissen ist Zurückhaltung geboten.

Gerade weil der Zugversuch Zahlen liefert, muss der Sachverständige erklären können, was diese Zahlen bedeuten – und was nicht. Eine Nachkommastelle im Sicherheitsfaktor ersetzt keine baumbiologische Beurteilung.

Einordnung im Methodenmix

Die moderne Baumsicherheitsdiagnose entwickelt sich weg von Einzelverfahren und hin zu einer integrierten Bewertung. Der Zugversuch kann dabei eine zentrale Rolle spielen, aber er ersetzt weder Sichtkontrolle noch Fachwissen. Beste Ergebnisse entstehen durch die Kombination visueller und technischer Untersuchungsmethoden. Praxistests zeigten, dass die Zugversuch-Methode nach Wessolly bei der Prognose von Versagenslast und Versagensart besonders genaue Werte liefern kann; zugleich wurde betont, dass ganzheitliche Baumsicherheitsüberprüfungen mehrere visuelle und technische Informationen zusammenführen sollten.

Der besondere Vorteil des Zugversuchs liegt darin, dass er nicht nur Defekte abbildet, sondern das System Baum unter Last prüft: Stamm, Krone, Wurzeln, Boden und Standort wirken gemeinsam. Damit beantwortet er eine Frage, die andere Verfahren nur indirekt beantworten können: Wie reagiert dieser konkrete Baum bei einer definierten Belastung?

Fazit

Der baumstatische Zugversuch ist eines der anspruchsvollsten und aussagekräftigsten Verfahren der eingehenden Baumuntersuchung. Er ist besonders wertvoll bei alten, bedeutenden oder geschädigten Bäumen, deren Erhalt fachlich geprüft werden soll. Er schafft eine belastbare Grundlage für Entscheidungen über Erhalt, Fällung, Kroneneinkürzung, Kontrollintervalle oder weitere Untersuchungen.

Seine Stärke liegt nicht in der bloßen Messung, sondern in der fachgerechten Verbindung von Messdaten, Extrapolation, Windlastanalyse und baumbiologischer Bewertung. Seine Grenze liegt dort, wo Modellannahmen unkritisch übernommen, Standortfaktoren vernachlässigt oder Zahlenwerte isoliert interpretiert werden.

Richtig angewendet, ist der Zugversuch kein Selbstzweck und kein technisches Alibi. Er ist ein präzises Werkzeug sachverständiger Verantwortung: Er hilft, gefährliche Bäume zu erkennen, vorschnelle Fällungen zu vermeiden und die Verkehrssicherheit mit dem Erhalt wertvoller Bäume in Einklang zu bringen.

Quellenangaben

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