Fachartikel Eichenprozessionsspinner bekämpfen

Sinnvolle Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners (EPS) aus sachverständiger Sicht

Von Alexander Kraus, Sachverständiger für Baumpflege und Baumsanierung

Der Eichenprozessionsspinner, kurz EPS, beschäftigt Kommunen, Grundstückseigentümer, Baumpflegebetriebe und öffentliche Einrichtungen inzwischen regelmäßig. Die entscheidende Frage lautet dabei nicht: „Ist irgendwo ein Nest vorhanden?“, sondern: „Geht von diesem Befall an diesem Standort tatsächlich eine relevante Gefahr aus?“

Genau diese Unterscheidung ist wichtig. Einzelne Raupen oder Nester rechtfertigen nicht automatisch jede Bekämpfungsmaßnahme. Maßgeblich sind der Standort, die Nutzung des Umfeldes, die Zahl der betroffenen Eichen, der Entwicklungsstand der Raupen, die Witterung, die Höhenlage und die Frage, ob Menschen oder Tiere dem Befall tatsächlich ausgesetzt sind.

Der Eichenprozessionsspinner ist ein wärmeliebender Nachtfalter, dessen Raupen an Eichen auftreten. Die Falter selbst sind unproblematisch. Die gesundheitliche Gefahr geht von den Raupen aus, genauer von ihren Brennhaaren. Diese werden ab dem dritten Larvenstadium gebildet und können bei Menschen und Tieren erhebliche Reizungen auslösen. Betroffen sein können Haut, Augen, Schleimhäute und Atemwege. Alte Gespinste bleiben ebenfalls gefährlich, weil sie Häutungsreste, Kot und große Mengen Brennhaare enthalten können. Die Gefahr endet deshalb nicht automatisch, sobald keine lebenden Raupen mehr zu sehen sind.

Wirkung der Brennhaare

Die Brennhaare des Eichenprozessionsspinners sind mikroskopisch klein. Sie enthalten das Eiweißgift Thaumetopoein und wirken zusätzlich mechanisch, weil sie sich mit kleinen Widerhaken in Haut, Augen oder Schleimhäuten festsetzen können. Typische Beschwerden sind starker Juckreiz, Hautrötungen, Quaddeln, entzündliche Hautreaktionen, Augenreizungen, Hustenreiz und Atembeschwerden. Bei empfindlichen Personen können auch stärkere allergische Reaktionen auftreten.

Mit zunehmender Entwicklung der Raupen wird nicht zwingend jedes einzelne Brennhaar „giftiger“. Das Problem ist vielmehr die Menge. Mit jeder weiteren Häutung nimmt die Zahl der Brennhaare deutlich zu. Gleichzeitig sammeln sich Haare, Häutungsreste und Kot in den Gespinsten. Dadurch steigt das gesundheitliche Risiko in den späteren Raupenstadien erheblich an.

Besonders tückisch ist, dass die Brennhaare nicht fest an den Raupen verbleiben. Sie brechen leicht ab, werden durch Wind, Erschütterungen oder unsachgemäße Bekämpfungsversuche verteilt und können sich in Gras, Laub, Boden, Rinde, Kleidung oder Tierfell festsetzen. Deshalb kann ein Befall nicht nur unmittelbar am Stamm oder unter der Krone problematisch sein, sondern auch im näheren Umfeld der betroffenen Eiche.

Aus diesem Grund sind ungeschützte Eigenmaßnahmen ungeeignet. Abflammen, Abkehren, Hochdruckreiniger, Laubbläser oder improvisierte Haushaltsgeräte können die Brennhaare erst recht verteilen. Dadurch wird die Gefährdung häufig nicht verringert, sondern vergrößert.

Nicht jeder Befall muss sofort bekämpft werden

In der Praxis sollte am Anfang immer eine Kontrolle stehen. Zunächst ist zu klären, ob tatsächlich ein Befall vorliegt, wie stark dieser ist, welches Entwicklungsstadium erreicht wurde und welche Bereiche betroffen sind. Erst danach lässt sich entscheiden, ob eine Bekämpfung erforderlich ist.

Besonders sensibel sind Bereiche, in denen sich regelmäßig Menschen aufhalten: Kindergärten, Schulen, Spielplätze, Sportanlagen, Badeseen, Campingplätze, Friedhöfe, stark frequentierte Wege, Haltestellen, Wohnanlagen oder Aufenthaltsbereiche in Parkanlagen. Auch Flächen mit Weidetieren oder Pferdehaltung sind sorgfältig zu bewerten.

Anders kann die Lage in wenig genutzten Bereichen sein. Steht eine befallene Eiche am Rand einer extensiven Fläche, in einem wenig begangenen Bestand oder abseits von Aufenthaltsbereichen, können Warnhinweise, Markierungen oder zeitweise Absperrungen ausreichend sein. Eine vollständige Entfernung der Nester ist dort nicht immer erforderlich.

Sinnvoll ist also ein abgestuftes Vorgehen: kontrollieren, Befall einordnen, Risiko bewerten und erst danach entscheiden, ob gewarnt, abgesperrt, abgesaugt oder im kommenden Frühjahr frühzeitig behandelt werden soll.

Der richtige Zeitpunkt entscheidet

Der Erfolg einer Bekämpfung hängt stark vom Zeitpunkt ab. Starre Kalendertermine sind dabei wenig hilfreich. Der Eichenprozessionsspinner entwickelt sich nicht jedes Jahr gleich schnell. Ein warmes Frühjahr kann Schlupf und Larvenentwicklung deutlich beschleunigen. Kühle Witterung verzögert sie. Auch innerhalb einer Region können Unterschiede auftreten.

Sonnige Einzelbäume, Straßenränder, Alleen, Mauern, befestigte Flächen oder sandige Standorte erwärmen sich schneller als schattige, geschlossene oder höher gelegene Bestände. Deshalb kann ein Bekämpfungstermin, der in einer warmen Tieflage passend ist, an einem kühleren Standort noch zu früh sein.

Auch die Höhe über Normalnull spielt eine Rolle. Mit zunehmender Höhenlage sinken in der Regel die Durchschnittstemperaturen. Dadurch kann sich die Entwicklung der Raupen verzögern. Eine feste Höhenobergrenze lässt sich daraus aber nicht ableiten. Entscheidend bleibt der tatsächliche Entwicklungsstand am konkreten Baum.

In der Schweiz wird beschrieben, dass die meisten Fundorte nicht über 700 m ü. M. liegen; einzelne Funde sind aber auch aus höheren Lagen bekannt. Aus Rheinland-Pfalz wird inzwischen berichtet, dass der EPS auch höhere Lagen von Hunsrück, Eifel und Westerwald erreicht hat. Für die Praxis heißt das: Die Höhenlage ist ein wichtiger Hinweis, aber kein Ausschlusskriterium.

Frühe Behandlung oder spätere Nestentfernung?

In den frühen Larvenstadien sitzen die Raupen häufig noch verteilt in der Krone. Große Gespinste sind dann meist noch nicht sichtbar. In dieser Phase können biologische oder biozide Verfahren sinnvoll sein, wenn sie rechtlich zulässig, fachlich begründet und sachgerecht angewendet werden.

Der Vorteil einer frühen Behandlung liegt darin, dass die Raupen bekämpft werden können, bevor große Mengen Brennhaare und Gespinste entstehen. Voraussetzung ist allerdings, dass die Raupen aktiv fressen, ausreichend Blattmasse vorhanden ist und die Witterung eine Wirkung des Mittels zulässt. Regen, niedrige Temperaturen, fehlender Blattfraß oder eine zu späte Anwendung können den Erfolg deutlich mindern.

Sind bereits Gespinste vorhanden, verschiebt sich die Aufgabe. Dann geht es weniger um eine frühe Bekämpfung der Raupen, sondern vor allem um Gefahrenabwehr. Im öffentlichen und siedlungsnahen Raum ist das fachgerechte Absaugen der Nester häufig die geeignetste Methode. Dabei werden Raupen, Gespinste und ein Teil der allergen wirkenden Rückstände kontrolliert aus dem Gefahrenbereich entfernt.

Diese Arbeiten gehören nicht in die Hände von Laien. Erforderlich sind geschulte Fachkräfte, geeignete Absaugtechnik, persönliche Schutzausrüstung, Absperrung des Arbeitsbereiches und ein sicheres Entsorgungskonzept.

Warum Abflammen und Hausmittel problematisch sind

Vom Abflammen ist in der Regel abzuraten. Durch Hitze, Luftbewegung und Erschütterung können Brennhaare aufgewirbelt und weitergetragen werden. Das gleiche gilt für Hochdruckreiniger, Laubbläser oder mechanisches Abschlagen der Nester. Solche Maßnahmen wirken zwar auf den ersten Blick entschlossen, können die Belastung im Umfeld aber deutlich erhöhen.

Gerade bei EPS gilt: Eine schlechte Bekämpfung kann gefährlicher sein als ein zunächst abgesperrter und fachlich bewerteter Befall.

Sinnvolle Strategie statt Aktionismus

Eine vernünftige EPS-Strategie besteht nicht darin, jede befallene Eiche sofort und gleichartig zu behandeln. Ziel ist auch nicht die vollständige Ausrottung des Eichenprozessionsspinners. Das wäre weder realistisch noch fachlich sinnvoll. Ziel ist die Verringerung gesundheitlicher Risiken dort, wo Menschen oder Tiere tatsächlich gefährdet sind.

Dazu gehört ein wiederkehrendes Monitoring gefährdeter Eichenbestände. Befallsorte sollten dokumentiert, sensible Bereiche priorisiert und wiederkehrende Schwerpunkte erkannt werden. In stark genutzten Bereichen kann eine frühzeitige Behandlung im Frühjahr sinnvoll sein. In anderen Bereichen reicht möglicherweise eine Kennzeichnung, Absperrung oder spätere Nestentfernung.

Auch natürliche Gegenspieler, Witterung, Krankheiten und Bestandsstruktur beeinflussen die Entwicklung des EPS. Deshalb sollte die Bekämpfung nicht isoliert betrachtet werden, sondern als Teil eines langfristigen Managements.

Ein befallener Baum ist kein Fällgrund

Ein EPS-Befall rechtfertigt in der Regel keine Fällung der betroffenen Eiche. Der Befall betrifft zunächst die Raupen und ihre Gesundheitswirkung, nicht automatisch die Verkehrssicherheit oder Erhaltungsfähigkeit des Baumes. Eichen können wiederholt befallen werden und sich dennoch erholen.

Vorrang haben Beobachtung, Warnung, Absperrung, gezielte Bekämpfung und fachgerechte Entfernung der Nester. Erst wenn besondere Umstände hinzukommen, etwa wiederkehrender starker Befall an hochsensiblen Standorten oder zusätzliche baumfachliche Gründe, können weitergehende Maßnahmen geprüft werden.

Fazit

Die Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners verlangt Augenmaß. Nicht jeder Befall ist ein Notfall. Nicht jede Eiche muss behandelt werden. Und ein befallener Baum muss erst recht nicht automatisch gefällt werden.

Entscheidend ist die konkrete Gefährdungslage: Wo steht der Baum? Wer nutzt den Bereich? Wie weit ist die Raupenentwicklung fortgeschritten? Sind bereits Brennhaare und Gespinste vorhanden? Welche Maßnahme reduziert das Risiko tatsächlich, ohne neue Gefahren zu schaffen?

Aus sachverständiger Sicht ist ein abgestuftes Vorgehen am sinnvollsten: Befall kontrollieren, Entwicklungsstand bestimmen, Standortnutzung bewerten, geeignete Maßnahme wählen und die Ausführung fachkundigen Unternehmen überlassen. Der Kalender allein ist dafür kein ausreichender Maßstab. Maßgeblich ist der tatsächliche Zustand am konkreten Baum.

Der Autor ist als Sachverständiger für Baumpflege und Baumsanierung tätig. Die Ausführungen beruhen auf der Auswertung fachlicher Leitfäden, behördlicher Empfehlungen und eigener gutachterlicher Erfahrung in der Bewertung von Baumstandorten und baumbiologischen Risiken.

Baumkrankheit oder Schädlingsbefall an Baumstamm sichtbar.
Baumstamm mit Schädlingsbefall, Eichenprozessionsspinner, EPS

Quellen und Literatur

Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) (2012): Verbreitung und Populationsdynamik des Eichenprozessionsspinners. Witterung und Waldstruktur beeinflussen die Entwicklung wärmeliebender Insekten in Eichenbeständen. LWF aktuell 88/2012.

Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) (2013): Eichenprozessionsspinner. Merkblatt 15, November 2013.

Bayerisches Staatsministerium des Innern; Bayerisches Staatsministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz; Bayerisches Staatsministerium für Landwirtschaft und Forsten (2008): Überregionale Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners aus Gesundheits- und Waldschutzgründen. Schreiben vom 03.04.2008.

BAHÖ – Bundesverband für Arboristik, Höhenarbeit und Ökologie e. V. (o. J.): Die BAHÖ EPS-Richtlinie.

BAHÖ – Bundesverband für Arboristik, Höhenarbeit und Ökologie e. V. (o. J.): BAHÖ legt Richtlinie zum Eichenprozessionsspinner vor.

Europäische Union (2012): Verordnung (EU) Nr. 528/2012 des Europäischen Parlaments und des Rates über die Bereitstellung auf dem Markt und die Verwendung von Biozidprodukten.

FVA Baden-Württemberg (2005): Eichenprozessionsspinner. Waldschutz-Info 01/2002, 2. Auflage April 2005.

FVA Baden-Württemberg (2008): Informationen zur Human- und Ökotoxikologie von Bt-Präparaten, die bei der Bekämpfung von freifressenden Schmetterlingsraupen im Forst eingesetzt werden. Waldschutz-Info 1/2008.

Landkreis Lüneburg, Gesundheitsamt (o. J.): Konzept zur Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners.

RAL Gütegemeinschaft Baumpflege / Baumpflege-Fachartikel (o. J.): Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners.

Niederländische Behörde für Lebensmittelsicherheit und Verbraucherschutz (NVWA) (2013): Leitfaden zur Eindämmung des Eichenprozessionsspinners. Aktualisierung 2013. Deutsche Übersetzung.